Dr. Siegfried Fischer

Dr. Siegfried Fischer „Alles neu macht der Mai, macht die Seele frisch und frei.“

Nach anderthalb Jahren coronabedingter Reisebeschränkungen nach Russland, hat mich am 10. Mai nichts mehr in Berlin gehalten. Meine langjährigen russischen Geschäftspartner waren genauso ungeduldig wie ich, denn im Geschäftsleben geht nichts über den persönlichen Austausch ohne unliebsame transatlantische und /oder russische Mithörer. Oder, wie es auf dem aktuellen 4. Unternehmertag „Russland in Mecklenburg-Vorpommern“ hiess, es muss menscheln, wenn man gemeinsam und im gegenseitigen Interesse etwas bewirken will.

Spahnsche Profilneurose und angstgeprägter Politikeraktivismus

Nach anderthalb Jahren coronabedingter Isolation mit ausschliesslich digitalem Informations- und Gedankenaustausch war es befreiend, in eine Welt zu kommen, die auch ohne Spahnsche Profilneurose und angstgeprägtem Politikeraktivismus der Pandemie die Stirn bot. Es war auch befreiend zu erfahren, dass 94% der in Russland verbliebenen deutschen Unternehmen trotz schwacher Konjunktur, Sanktionen und grosser politischer Spannungen ihre Geschäftslage als sehr gut, gut oder befriedigend einschätzten. Das geht aus einer Zwischenauswertung der noch laufenden AHK-Geschäftsklimaumfrage hervor. Es überrascht auch nicht, dass 92% der deutschen Firmen in Russland die Aufhebung der Russlandsanktionen fordert.

Überraschend ist allerdings, dass trotz antirussischer medialer Dauerberieselung und russophober Politikerentgleisungen in Deutschland immer noch eine signifikante Mehrheit der Bevölkerung für eine Verbesserung der deutsch-russischen Beziehungen eintritt, wie Matthias Platzeck als Vorsitzender des Deutsch-russischen Forums an gleicher Stelle vermerkte. Das zeigt sich auch in der Wirtschaft, wo rund die Hälfte (51 Prozent) der nach Russland exportierenden Unternehmen mit steigenden Exporten nach Russland, 41 Prozent mit gleichbleibenden und lediglich 8 Prozent mit rückgängigen rechnet. Das größte Wachstum erwartet die deutsche Wirtschaft in Land- und Ernährungswirtschaft, IT und Telekom, Erneuerbare Energien und Energieeffizienz, Gesundheitswirtschaft sowie Maschinen- und Anlagenbau. Auffällig ist der Trend hin zu Erneuerbaren Energien inmitten des Deutsch-Russischen Themenjahrs „Wirtschaft und nachhaltige Entwicklung“.

Video-Statement des Vorstandsvorsitzenden des Ostausschusses Oliver Hermes

Es überrascht daher nicht, dass auch der Ostausschuss der deutschen Wirtschaft das Mailüftchen mit profunden Analysen anblasen und sie Anfang Juni sowohl in Rostock als auch auf dem Wirtschaftsforum SPIEF in Sankt Petersburg als Aktiva einbringen wollte.  Anbei das Video zum für alle Unternehmer mit gestandener oder vorsichtig prüfender wirtschaftlicher Russlandaffinität aufmunterndem Statement des Vorstandsvorsitzenden des Ostausschusses Oliver Hermes:

Für weitere Details hier der Link zur Umfrage auf der Webseite des Ostausschusses  mit den entsprechenden Downloads (Pressemitteilung, Gesamtpräsentation, Factsheet). „Die Hoffnungen, dass die EU und Russland in den nächsten Jahren wieder zueinander finden, sind besorgniserregend gering: 60 Prozent gehen davon aus, dass die Zusammenarbeit auf ein Minimum beschränkt bleibt“, so der Ost Ausschuss-Vorsitzende. „Aber die grundsätzliche Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit Russland ist sehr hoch. Dies ermutigt uns von Seiten der Wirtschaft, weiter auf diese Kooperation zu setzen.“

“Deutschland ist zu gross, um sich unter dem Druck sogenannter Freunde klein zu machen.”

Es war Charles de Gaulle, der offen aussprach, dass Staaten keine Freunde, sondern nur Interessen haben. Während deutsche mediale und politische Besserwisser unter Hintanstellung existentieller nationaler Interessen eine transatlantische Wertegemeinschaft und eine werteorientierte Aussenpolitik postulieren, haben Trump und Johnson ebenso wie Erdogan, Putin und Xi Jinping vorgeführt, wie recht de Gaulle hatte. Deshalb ist auch der fortdauernde antirussische amerikanische Druck auf die deutsche Politik und Wirtschaft nicht mit einem grünen Anstrich zu kaschieren. Deutschland ist zu gross, um sich unter dem Druck sogenannter Freunde klein zu machen.

Was im Grossen gilt, trifft auch im Kleinen zu. Bereits ohne neue grüne Radikalien hat der deutsche Staat mit überbordender Bürokratie, exorbitanten Energiekosten und infrastrukturellen Defiziten die Interessen der KMU nachhaltig beschädigt. Umso wichtiger ist es, wenn die so Geplagten im wohlverstandenen eigenen Interesse nach verlässlichen Geschäftspartnern im Wirtschaftsraum von Lissabon bis Wladiwostok und insbesondere im strategischen Wachstumsmarkt Russland suchen. Zumal dort nicht nur gleichgesinnte, sondern auch befähigte Unternehmer auf Partnersuche sind und ebenfalls aus wohlverstandenem eigenen Interesse europäische, insbesondere aber deutsche Partner chinesischen vorziehen würden.

Kooperationsrichtungen für interessierte Unternehmer

Während meines aktuellen Aufenthaltes in Russland ergaben sich deshalb nicht nur notwendige Absprachen über die Fortführung meiner Exportgeschäfte nach Russland, sondern auch Gespräche über neue mittel- und langfristige Geschäftsbeziehungen zwischen deutschen und russischen Firmen. Insofern möchte ich sowohl unseren Verbandsmitgliedern, als auch allen anderen interessierten Unternehmern ein paar Kooperationsrichtungen aufzeigen:

  1. Während in Deutschland Bauholz knapp und teuer wird, werden Rohholzexporte russischerseits restringiert und ab Januar 2022 verboten. Russland will die Verarbeitungstiefe der heimischen Wirtschaft erhöhen und vom reinen Rohstoffexport wegkommen. Deshalb bietet ein gut aufgestelltes russisches Unternehmen eine strategische Partnerschaft an, um gemeinsam mit einer oder mehreren deutschen Firmen Holzlieferungen für den europäischen und amerikanischen Markt zielsicher und kostengünstig zu platzieren. Anfragen bitte an s.fischer@bundesforum-mittelstand.de.
  2. Während in Deutschland die Energieerzeugung aus fossilen Brennstoffen zunehmend stigmatisiert wird, kann Russland aus wirtschaftlichen und sozialen Gründen diese Art der Energieerzeugung für längere Zeit nicht aufgeben. Russische Politiker fördern und honorieren aber alle ökologisch nachhaltigen Technologien, insbesondere auch deutsche. Deshalb hat die russische Firma Techmashimport-Energo ein Projekt aufgelegt, wo aus Kohle gewonnenes Synthesegas für die Kogeneration von Strom und Wärme mittels Gaskolbenmotorengeneratorsets genutzt wird, und zwar insbesondere in den Gebieten, wo eine zentrale Elektroenergie- und Gasversorgung nicht existiert. Da die Vergasung von Kohle und Biomasse ein deutsches Markenzeichen war und ist, bieten sich hier echte Chancen für interessierte Unternehmen. Anfragen bitte an s.fischer@bundesforum-mittelstand.de.
  3. Während in Deutschland die Erdöl- und Erdgasverarbeitung zunehmend stigmatisiert wird, ist sie ein wesentlicher Bestandteil russischer und eurasischer Wirtschaftspolitik. Es ist kein Geheimnis, dass viele Fördereinrichtungen und Raffinerien nicht mehr auf dem neuesten Stand sind. Durchaus neu ist aber, dass bei deren unabänderlicher Erneuerung neben technologischer Effizienz zunehmend ökologische Parameter gefragt sind. Auch hier werden deutsche Anlagebauer gesucht, die diesen Anforderungen entsprechen. Anfragen bitte an s.fischer@bundesforum-mittelstand.de.
  4. Es ist kein Geheimnis, dass Russland im zentralasiatischen, arabisch-persischen, levantinischen und nordafrikanischen Bereich wieder als zuverlässiger Partner geschätzt wird. Es ist aber auch kein Geheimnis, dass Russland nicht alle technologischen Anforderungen aus diesen Regionen erfüllen kann. Über Jahrzehnte gewachsene Wirtschaftsbeziehungen stehen vor der Herausforderung einer neuen technologischen Unterfütterung. Das ist eine weitere Chance für deutsche Unternehmen, gemeinsam mit russischen Partnern und begünstigt durch den Rubelkurs in diesen Ländern Fuß zu fassen. Anfragen bitte an s.fischer@bundesforum-mittelstand.de.

Berlin, den 03.06.2021

Dr. Siegfried Fischer

Verbandsbeauftragter Russland

Bundesforum Mittelstand. E.V.

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